Bereits auf der E3 2012 wurde den Spielern mit „Watch Dogs“ ein spektakulärer Next Gen-Titel angekündigt, der nun endlich mit einiger Verzögerung erscheint. Die Erwartungen an Ubisofts Open World-Hacker-Abenteuer sind inzwischen fast ins Unermessliche gestiegen, nun erscheint „Watch Dogs“ für PS4 und Xbox One (und mit Verzögerung auch für PC und Wii U) und die Spielergemeinde kann sich selbst davon überzeugen, wie viele der hoch gesteckten Erwartungen „Watch Dogs“ tatsächlich erfüllen kann.

Watch Dogs – Eine dystopische Geschichte der Rache

In der nahen Zukunft läuft ganz Chicago ausschließlich auf ctOS, das Central Operating System, koordiniert in der Millionenmetropole den Verkehr, den Strom, die Telekommunikation, selbst das Leben der Einwohner ist dicht an ctOS gebunden. Als Hacker Aiden Pierce einem Anschlag nur knapp entrinnt, bei dem seine Nichte stirbt, schwört er Rache an den Mördern – und dem korrupten System der Überwachung.

In der Rolle von Aiden Pierce liegt es nun am Spieler, den Überwachungsstaat und Big Brother zu Fall zu bringen, Hilfe bekommt Aiden in „Watch Dogs“ dabei von Hackerin Clara, Söldnern und Weggefährten. Sein wichtigster Verbündeter im Kampf gegen ctOS ist allerdings sein Smartphone, denn das benutzt Aiden zum Hacken – worin auch die große Besonderheit des Spiels liegt.

Jeder Anruf eine Waffe

Wer bei „Watch Dogs“ auf ein futuristisches „GTA“ hofft, der liegt nur teilweise richtig. Viele Waffen, die Möglichkeit, Fahrzeuge zu stehlen und unzählige Nebenmissionen – all das klingt zwar nach „Grand Theft Auto“, aber „Watch Dogs“ bietet einen erwachseneren Ansatz. Die Geschichte um Aidens Rache ist zwar etwas unausgegoren (Aiden schwankt zu sehr zwischen düsterem Racheengel und Held mit Herz), doch im Prinzip schlüpft der Spieler in die Rolle eines maskierten Rächers. Statt wie in Los Santos Chaos zu stiften, verhindert Aiden in Chicago Verbrechen und benutzt sein Handy, um in Nebenmissionen Überfälle, Morde und Diebstähle zu verhindern. Natürlich kann Aiden auch Passanten elegant per Telefonhack bestehlen, allerdings sollte er sich in acht nehmen, nicht zu berüchtigt zu werden.

Mit der Stimmung gegen den Spieler steigt die Chance, auf offener Straße erkannt zu werden. In den Kampagnenmissionen geht es vor allem um Infiltration, ob der Spieler Stealth oder Gewalt wählt, ist dabei jedem selbst überlassen. Auch die typischen Eskortmissionen finden sich aber in Aidens Chicago wieder. Abgerundet wird das Missionsdesign durch teils extrem abgedrehte Mini-Spiele, in denen Aiden fliegt oder in die Rolle eines Kampfroboters schlüpft. Die dynamische Umgebung in „Watch Dogs“ macht das Spieleerlebnis zu etwas besonderem. Mit dem Smartphone lassen sich Pöller hochfahren, Ampeln manipulieren oder Stromausfälle provozieren, so nutzt Aiden seine Umgebung um der Polizei zu entkommen oder in den Missionen Wachen auszuschalten. Das System lädt geradezu dazu ein, mehrere Varianten auszuprobieren.

Neue Skills erhält Aiden, in dem er in Missionen Skillpunkte verdient (was aber recht schnell geht), so lässt sich die eigene Spielfigur zusätzlich ausbauen. Das Free Roaming funktioniert in Chicago super, die Stadt ist zwar nicht originalgetreu, aber von der Innenstadt bis in die Vororte bietet das Chicago von „Watch Dogs“ einen hohen Wiedererkennungswert. Sehenswürdigkeiten wie das Rathaus oder Arts and Sciences Center lassen sich problemlos wiederfinden, auch Nebenmissionen gibt es in „Watch Dogs“ an jeder Straßenecke.

Ist die Technik der Next Gen würdig?

Über die Technik von „Watch Dogs“ lässt sich streiten. Das Spiel bietet visuell fantastische Effekte, insbesondere Licht, Explosionen und Regen sehen fantastisch aus, an die Präsentation der E3 2012 kommt Ubisofts Open World-Spiel allerdings nicht heran. Auf der PS4 läuft „Watch Dogs“ mit einer Auflösung von 900p, auf der Xbox One sogar nur mit 792p, vereinzelt kommt es zu Treppchenbildung. Aber die PC-Version legt optisch noch einmal nach und selbst auf den Konsolen sieht „Watch Dogs“ mit diesen kleinen Mankos immer noch extrem gut aus. Vor allem beim Roaming durch Chicago fallen die Schwächen kaum auf. Außerdem läuft „Watch Dogs“ stets flüssig und bietet tolle Passanten (mit realistischen Abläufen), detaillierte Charaktermodelle der Protagonisten (inklusive Regen auf Aidens Mantel) und brillante Fahrzeugmodelle, die realistischen Schaden nehmen. All das fügt sich zu einem technisch runden Gesamtbild zusammen – das Sahnehäubchen sind der sehr gut abgemischte Sound, der abwechslungsreiche Soundtrack und die gute deutsche Synchro.

Was nützt das Hacken in Gedanken?

Mit „Watch Dogs“ hätte Ubisoft einen potentiellen System-Seller für die Next-Gen-Konsolen liefern können, an diesem Ziel scheiterten die Franzosen jedoch knapp. Nichtsdestotrotz ist „Watch Dogs“ein spannender Titel mit hoher Langzeitmotivation, den jeder Besitzer von PS4 oder Xbox One im Regal haben sollte. Eine sehr gute, technische Präsentation, eine immerhin noch gute Story, abwechslungsreiches Gameplay und tolle Ideen machen „Watch Dogs“ zu einem sehr guten Spiel. Der ganz große Wurf ist Ubisoft mit Aiden Pierce‘ (erstem?) Abenteuer allerdings nicht gelungen.