Portal 2 in 1000 Worten – Das Spiel des Jahres 2011?

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Mit Portal hat Valve 2007 Spieler und Presse überrascht: Der Puzzle-Ego-Shooter, der eigentlich nur als kleine Beilage der Orange Box gedacht war, stahl den großen Geschwistern plötzlich die Show. Nicht wegen Half-Life 2 und den dazugehörigen Episodes, nicht wegen Team Fortress 2 wollte man die Orange Box haben. Portal war es, das die breite Spielerschaft interessierte.

Und nun? Knapp vier Jahre später ist der Nachfolger erschienen: Portal 2. Dieses Mal möchte Valve noch einen Schritt weiter gehen: Schöner, größer, lauter, umfangreicher, spannender, besser, kniffliger, fantastischer soll es werden, dieses Portal 2! Die Zeichen standen gut: Der Hype war da, die Presse war begeistert. Mittlerweile ist das Spiel überall erhältlich. Wie sich Portal 2 wohl geschlagen hat? Ob es die hohen Erwartungen erfüllen konnte? Ist es das erhoffte bisherige Spiel des Jahres 2011?

Leider muss man sagen: Nein. Ganz egal, mit welchen Erwartungen man an das Spiel herangeht: Es hat unübersehbare und teils unverzeihliche Schwächen, die eine Kandidatur für das Spiel des Jahres kategorisch schon fast ausschließen. Doch alles der Reihe nach.

Portal 2 hat „erstmals“ eine richtige Geschichte, die die Geschehnisse aus Teil 1 erklärt und den Storystrang weiterspinnt. Grob zusammengefasst geht es um folgendes: Man schlüpft in die Haut der Protagonistin Chell, die eigentlich nur als Testsubjekt in der Aperture Science Anlage unterwegs ist, über kurz oder lang aber ganz andere Absichten verfolgt. Sie selbst spricht zwar im kompletten Spielverlauf kein einziges Wort, dafür erklären die anderen Charaktere, denen man in der Einzelspieler-Kampagne begegnet, die Geschichte sehr gut. Die Story ist wirklich sehr gut gelungen und schafft es tatsächlich, den Spieler in ihren Bann zu ziehen – was vor allem an den hervorragenden Figuren und Dialogen liegen dürfte, die zusammen mit dem brillanten Humor das Glanzstück von Portal 2 darstellen. Egal ob Roboterlady GlaDos, Systemkern Wheatley oder Aperture-Science-Gründer Cave Johnson: Jede Figur hat ein Eigenleben, eine einzigartige Persönlichkeit und einen eigenen Sinn für Humor. Portal 2 ist immer wieder für einen Lacher gut und überzeugt damit auf ganzer Linie. Ein Beispiel: Während dem gemeinsamen Fluchtversuch kommt GlaDOS Wheatley und Chell auf die Schliche und droht, die beiden zu bestrafen. Damit GlaDOS die Dialoge der beiden Flüchtlinge nicht versteht, beginnt Wheatley mit einem bayrischen Dialekt zu sprechen – grandios! Und das ist nur eine von vielen Szenen, in denen man beherzt auflachen muss.

Doch woran liegt es dann, dass Portal 2 insgesamt nicht so sehr begeistern kann wie erhofft? Das hat vor allem einen Grund: Auch wenn das Spiel im Großen und Ganzen ungemein rund und durchdacht wirkt, fehlt es an Anspruch, Komplexität und Feintuning in diversen Bereichen. Die Kampagne ist mit knapp 7-8 Stunden zwar in einem angenehmen Rahmen, allerdings schwankt die Qualität des Gameplays und Leveldesigns über weite Strecken stark. Obwohl das Spiel von Anfang an scheinbar stetig an Spannung und Intensität zunimmt, kann es dieses Niveau nicht durchgehend halten. Gerade das letzte Drittel wirkt gestreckt, eintönig und erstaunlich zäh – sogar die Story wird hier weitestgehend vernachlässigt. Stattdessen rackert man mühevoll eine Testkammer nach der anderen ab, viel zu oft mit gleichem Lösungsschema, und wird mehr gelangweilt als unterhalten. So etwas darf sich ein Portal 2 nicht erlauben! Natürlich übersteht man auch diese ca. 1-2-stündige schwache Phase, aber danach geht es leider auch nicht mehr aufwärts. Es wartet lediglich ein zugegebenermaßen guter Bosskampf und ein abschließendes, fantastisch inszeniertes Finale mit einem grandiosen Abspann – aber spielerisch lässt die Kampagne nach dem zweiten Drittel stark nach.

Dabei hätte Portal 2 auch in der Einzelspieler-Kampagne durchaus das Zeug gehabt, ein ernstzunehmender Kandidat für das Spiel des Jahres 2011 zu werden. Denn das Gameplay ist im Grunde einfach fantastisch und ungemein facettenreich: Zu den altbekannten, aber immer noch exzellenten Portalen kommen nun noch lichtbrechende Würfel, Lichtbrücken (die auch als Barrieren dienen können), Traktorstrahlen, Sprungbretter und drei verschiedene Sorten Gel hinzu. Das Gel ist die mit Abstand beste spielerische Neuerung: Mit dem blauen Gel erreicht man quasi über ein Trampolin höher gelegene Ebenen, das orangefarbene Gel beschleunigt auf Spitzengeschwindigkeiten und der weiße Klebstoff erlaubt es, überall Portale zu platzieren – selbst an Orten, an denen das vorher nicht möglich war. Im Prinzip also die besten Zutaten für eine leckere Mischung aus Rätseln und Geschicklichkeit. Über sehr lange Zeit erfüllt Portal 2 auch genau das: es ist relativ knifflig, interessant, vielseitig und spannend. Aber während im Coop-Modus teilweise sehr schwere Herausforderungen warten, wird man in der Kampagne nicht genug gefordert.

Was sowohl Kampagne als auch dem kooperativen Spielmodus fehlt, ist allerdings noch etwas anderes, das einen sehr großen Minuspunkt darstellt: Es mangelt an Komplexität. Es ist schön, dass es so viele neue Spielelemente gibt, aber warum mischt man daraus nicht einen angenehmen Brei, sondern belässt es bei der Speisekarte? Aus den verschiedenen Zutaten hätte man ein leckeres Menü kochen sollen und die Elemente verbinden: Geschütztürme, Lichtbarrieren, Schalterrätsel, Gel und Traktorstrahlen in einer einzelnen, großen Testkammer – das wäre super gewesen. Stattdessen werden maximal 2-3 einzelne Elemente in eine Kammer gesteckt, sodass die Lösung oft nicht schwer zu erraten ist. Das Knifflige ist es meistens eher, die Lösung durchzuführen, und nicht, sie herauszufinden.

Der Coop-Modus behebt immerhin einen Großteil der genannten Schwächen, indem er eine Menge Kopfnüsse beinhaltet, die auch wirklich nur zu zweit lösbar sind. Allerdings gibt es noch ein Manko bei beiden Modi, das ich noch nicht erwähnt habe und das besonders im Coop-Modus stört: Die Ladezeiten sind häufig und immer störend und unterbrechen teilweise sogar direkt und abrupt den Spielfluss. In der Kampagne wird beispielsweise direkt in einer hitzigen Fluchtsequenz kurz nachgeladen. Da Portal 2 wie der Vorgänger auf der mittlerweile sehr betagten Source-Engine basiert, sind Ladezeiten logisch – aber in 2011 sollte das eigentlich nicht mehr so sein. Hier besteht Nachbesserungsbedarf, Valve!

Mit Atlas und P-Body hat der Mehrspielermodus, der mit seinen fünf verschiedenen Parcours über knapp 4-5 Stunden beschäftigt, zudem zwei absolute Kultfiguren zu bieten. Alleine die Interaktionsmöglichkeiten mit dem Partner sind umwerfend: Egal, ob es sich dabei um eine herzliche Umarmung oder um eine Runde Schere, Stein, Papier handelt.

Abschließend kann man sagen, dass Portal 2 ein wirklich unterhaltsames, brillant inszeniertes und sehr gutes Spiel ist, das unter nervigen Kinderkrankheiten leidet. Spiel des Jahres? Leider eher nicht.


(Das Spiel wurde auf PC getestet)

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